Der Palm(er)Sonntag
Palmsonntag war angesagt mit feinem Weinlunch im Landhaus Mönchenwerth. Und da machten wir aus diesem Palmsonntag mit einer kleinen Palmer-Vertikale einen Palm(er)Sonntag.
Als Start überraschte uns Restaurantchef Sascha Bürgel mit einem 2016 Schinznach Wanne Chardonnay vom Weingut Litwan aus dem Schweizerischen Kanton Aargau. Der war noch so jung mit Rasse und Klasse, brauchte viel Luft und zeigte dann feine, präzise Frucht, Zitrus und Grapefruit, gute Säure , eine tolle Struktur und intensive Mineralität. So eine Art großer, Schweizer Chablis, bestechend – WT95+. Eine weitere Rarität, ebenfalls aus der Schweiz, kam von Freunden, die an einem Nachbartisch saßen, ein 2012 Heida de Sierre Reserve Special. Mit tiefer, reifer Farbe zeigte dieser rare Wein aus dem Wallis eine opulente Nase und war sehr füllig und cremig am Gaumen, aber mit erstaunlicher Struktur und feiner Mineralität – WT94.
Und eine sehr schöne Überraschung, ebenfalls vom Nachbartisch, war ein Glas des 1953 Petrus. Der brauchte viel Luft, war erst etwas verhalten, entwickelte sich dann aber zu einem großen, reifen Pomerol, samtig, weich, sehr gefällig mit schöner Fülle, malziger Süße, schokoladiger Opulenz und hohem Spaßfaktor – 95/100. Trinkt man nun ich jeden Tag, so einen schönen, gereiften Petrus. Ein unerwartetes Prachtstück war dann etwas später noch ein 1999 Dorsheimer Goldloch Riesling Kabinett vom Schlossgut Diel, der sich erstaunlich dicht und cremig, und dabei noch so frisch zeigte – WT93. Solche Kabis haben eigentlich zwei Leben, das erste jung und knackig mit guter Säure, durch die die Süße balanciert wird. Und das zweite Leben dann nach 20 und mehr Jahren, wenn in der Reife eher in Richtung harmonisch trocken gehen.
Und damit wären wir bei den Palmers. Wir starteten mit einem Klassiker, dem 1970 Palmer. Der war gut gereift, zeigte aber nicht wirklich Alter. Immer noch so kraftvoll und voller Leben mit der exzellenten Struktur dieses Jahrgangs zeigte er immer noch schöne Frucht, ersten, süßen Schmelz, die Palmer typische Eleganz mit burgundischen Konturen und eine sehr gute Länge. Das war einfach ein großer, kompletter Palmer, der sicher noch ein oder zwei Dekaden problemlos weiter reifen dürfte. Wie viele Bordeaux aus dem tanninreichen Jahrgang 1970 hatte er 30+ Jahre zur Entfaltung gebraucht und erreicht jetzt erst seinen Trinkhöhepunkt – WT96. Würde ich derzeit in gutem Zustand jederzeit wieder kaufen.
Weiter ging es mit zwei Risikoflaschen, die ich so normalerweise nicht in Proben stellen würde. Aber wie heißt es so schön? No risk – no fun. Also habe ich beide Flaschen trotz optisch schlechten Zustandes mitgebracht. Der 1952 Palmer in einer Mähler Besse Händlerabfüllung hatte nur einen „low shoulder“ Füllstand und eine dunkle, ziemlich bräunliche Farbe. Auch in der noch dazu ziemlich muffigen Nase wirkte er sehr reif. Am Gaumen wirkte er zu Anfang ziemlich oxidativ und alt, baute aber mit der Zeit immer mehr aus und wurde gut trinkbar. Dazu kam immer mehr eine feine, malzige Süße – WT89. Sehr erstaunlich. Noch erstaunlicher war der 1955 Palmer aus einer Flasche, bei der der Korken wohl nicht ganz dicht war. Als ich sie vor 18 Jahren im Keller verräumte, hatte sie noch einen guten „top Shoulder“ Füllstand. Jetzt fehlte ein gutes Drittel. Auch hier zeigte die dunkle Farbe das Alter, aber die Nase war ganz ok mit sogar noch feiner, rotbeeriger Frucht. Dieser Palmer aus einem sehr guten Jahr (ich hatte den 55er häufiger mit bis zu WT96 im Glas) baaute enorm aus und entwickelte immer mehr Eleganz und eine verschwenderische, cremige Fülle. Meine Bewertungen gingen immer höher und erreichten mit dem letzten Schluck WT92. Das Risiko hatte gelohnt.
Risikolos und natürlich großartig waren die drei Palmers aus den 80ern. Wir begannen mit einem meiner ewigen Favoriten, dem 1985 Palmer. Der zeigte die Klasse vieler Bordeaux aus dem Jahrgang 1985, die mit wunderbarer Frucht schon früh trinkbar waren, sich aber sehr gut gehalten haben. Dieser 85er war so ein eleganter, balancierter, verführerischer Traum mit betörender rotbeeriger Frucht und war so seidig und samtig mit burgundischer Pracht und Fülle, dazu feinem Schmelz – WT95. Schlichtweg außerweltlich war der 1983 Palmer, der sich in diesem Jahrgang, der in der Appellation Margaux besser war als 1982, mit Margaux selbst ein Rennen um den Wein des Jahrgangs liefert. Obwohl zwei Jahre älter wirkte er wie eine jüngere Version des 85ers mit Turbolader. Dabei blieb er so unglaublich seidig und elegant mit burgundischen Konturen – WT98. Der ebenfalls großartige 1989 Palmer wirkte wie eine jüngere, dichtere, kräftigere Version des 83ers. Er könnte in ein paar Jahren die Klasse des 83ers erreichen und dürfte langlebiger sein – WT97+.
Wir beendeten unsere Vertikale mit zwei modernen Super Palmers, die jetzt schon sehr gut zu trinken waren, aber enormes Langstreckenpotential zeigten. Der überragende, immer noch so jugendlich frische, körperreiche und vollmundige 2005 Palmer, den ich in den letzten Jahren mehrfach getrunken habe, wirkte mit seiner superbe, intensiven und einfach nur köstlichen Frucht wie eine Art Palmer aus Kalifornien, aber mit einem kräftigen Rückgrat dichter Tannine. Bei aller Kraft und Intensität zeigte er natürlich auch Eleganz und Finesse. Nur die sprichwörtlichen, burgundischen Konturen der Palmers aus den 80ern werden wohl erst in ein paar Jahren nachgeliefert – WT97+. Der noch sehr junge 2022 Palmer zeigte zwar auch fantastische Frucht, Schwarzkirsche, Brombeere und Cassis, schien aber etwas mehr auf der eleganten, floralen Seite, was für den warmen Jahrgang eine Meisterleistung war. Sehr attraktiv und beeindruckend schon in dieser jungen Phase (Michael hatte dafür dankenswerter Weise eine Kiste geöffnet) zeigte er schon deutlich mehr als nur den Ausblick auf eine großartige Zukunft. Er könnte durchaus in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts die Perfektion erreichen - WT97+.