Spannende Weinreise entlang des Ruisseau de Juillacs
Es war die erste große Probe des Jahres, sehr spannend zusammengestellt mit hochwertigen Bordeaux. Dieser Ruisseau de Juillacs ist ein sehr kleiner Nebenfluss der Gironde, der die Grenze zwischen Pauillac und St. Julien darstellt. Und große Weine nördlich (Pauillac) und südlich dieser Grenze traten in kleinen Flights mit eigener Thematik und Fragenstellung gegeneinander an.
Doch zunächst gab es als Apero aus der Magnum einen erstaunlich schönen, gut gereiften, aber noch voll intakten Champagner mit feiner, heller Frucht, Brioche und gutem Mousseux, der am Gaumen eine feine, cremige Textur entwickelte, 1997 Laurent-Perrier Millesime Reserve, der mir ausnehmend gut gefiel – WT95. Muss aus sehr guter Lagerung gewesen sein. Danach ging es in den Weinkeller unseres Gastgebers, wo es zwei interessante, in Europa nicht erhältliche Weißweine gab. Von Caanan Winery Chapter and Verse aus der Provinz Heibei gab es einen kräftigen, 2019 Riesling, der aromatisch mit dezenter Petrolnote und feiner Mineralik gut ins Elsass gepasst hätte – WT90. Gut gelungen auch der 2017 Chardonnay, so frisch und klar mit guter Struktur – WT91.
Generation Y hieß der erste Flight, bei dem es gleich richtig zur Sache ging.
Immer noch so frisch mit toller Statur und großer Zukunft zeigte sich mit enormer Kraft und Länge der 1986 Leoville las Cases, der aber auch etwas streng wirkte – WT96. Erstaunlich reif, auch in der Farbe, wirkte die 1986 Pichon Comtesse, weich und sehr aromatisch mit schönem, generösem Schmelz, der den hohen Merlot Anteil zeigte – WT95. Grandios zeigte sich der 1986 Latour, der jetzt endlich aufdrehte und eine sehr gute Zukunft haben dürfte mit präziser, klarer Frucht, der klassischen Walnuss Aromatik und guter Bleistift- Mineralität – WT97.
Unter The forgotten Year kamen dann drei Weine aus dem, vergessenen, von mir aber immer schon sehr geschätzten Jahrgang 1952.
Eine irre, noch so junge und dichte Farbe zeigte 1952 Leoville Poyferré. Druckvoll, mit noch soviel Leben und großartiger Struktur hatte der deutliche Latour-Klasse – WT96. Oxidativ brauchte der maskuline 1952 Leoville las Cases viel Luft, öffnete sich aber zusehens und wurde immer schöner, auch die oxidative Note verschwand – WT94. Aus einer nicht perfekten Magnum zeigte der 1952 Latour eine sehr reife Farbe, wirkte auch insgesamt in der Anmutung reif, war aber trotzdem druckvoll mit feinem Schmelz und toller Länge – WT95. Ich kann die Bordeaux aus 1952 immer noch empfehlen, wobei sie wahre Klasse natürlich vor allem dann zeigen, wenn sie perfekt gelagert aus einem kühlen, forgotten cellar stammen.
Unter dem Motto Reunited stammten die nächsten drei Weine aus einem großen Bordeaux Jahrgang, dem Jahr der deutschen Wiedervereinigung, nicht zu verwechseln mit 1989, dem Jahr des Mauerfalls.
Etwas verhalten zeigte sich der 1990 Les Forts de Latour, den ich deutlich besser kenne. Aus dieser Flasche hier schien der Lack schon etwas ab – WT92. Auch der 1990 Latour zeigte aus dieser Flasche schon etwas Reife, überzeugte aber trotzdem mit Kraft und Länge – WT97. Eigentlich ist dieser Latour, der nach einer Art kalifornische Spaßphase in der Jugend dann ins Charakterfach gewechselt ist, eine perfekte Ikone mit grandioser Zukunft. Große Klasse zeigte der sehr komplexe 1990 Leoville las Cases mit fantastischer Struktur und Länge in eigentlich Premier Grand Cru Qualität – WT97. Das war mein Favorit dieses Flights.
Ungeplant eingeschoben dann ein Flight mit zwei Weinen aus dem Geburtsjahr unseres generösen Gastebers. 1964 Leoville las Cases hatte eine dichte Farbe, wirkte etwas streng, dabei reif mit deutlich oxidativer Note – WT90. Im anderen Glas mit der 1964 Pichon Comtesse eine wunderbar gereifte, schmelzige Schmuse-Comtesse – WT94.
Y2K hieß es dann mit drei Weinen aus dem großen Jahrgang 2000.
Hier zeigte der einfach unfassbar gute, dichte und enorm kräftige 2000 Latour, dass er zurecht Legenden-Status genießt, einfach perfekt und mit Potential für sicher nochmal 50 Jahre – WT100. Nur um Nuancen dahinter der atemberaubende, noch nie so gut getrunkene 2000 Leoville las Cases, etwas reifer als der Latour, aber auch mit unglaublicher Kraft und Zukunft – WT99. Ich liebe diese 2000er Giganten. Nur die 2000 Pichon Comtesse wollte nicht so richtig mitspielen und wirkte mit einer deutliche Paprika Note etwas aus der (Comtesse)Art geschlagen – WT94.
The End of all Wars hieß der nächste Flight. Weine, bei denen es schien, dass die Natur uns für das in den beiden Weltkrieg erlittene Unbill mit überragender Qualität hinwegtrösten wollte.
Was da nach einer künstlerischen Pause ins Glas kam, war gereifter, einmaliger Bordeaux wie vom anderen Stern und der absolute Höhepunkt dieser einfach traumhaft guten Probe. Dreimal klare WT100 gab es von mir für drei anscheinend unsterbliche Weinlegenden, die einfach sprachlos und so glücklich machten. Den 1918 Mouton Rothschild durfte ich 2013 schon einmal aus einer perfekten Vandermeulen trinken. Hier war das jetzt wieder einfach ein grandioser, kompletter Mouton, betörend, sehr elegant und immer noch Frische zeigend mit guter Bleistift Mineralität – WT100. Kaum zu glauben und auf gleichem Niveau aus 1991 rekonditionierter Magnum ein schlichtweg perfekter 1918 Latour, schon mehrfach getrunken, aber noch nie in dieser überragenden Qualität, so elegant und immer noch so kräftig – WT100. Diesen unglaublichen Flight komplett mache ein 1945 Latour. Das wieder Latour in Perfektion, riesengroß und komplett mit feiner Frucht, so druckvoll mit der klassischen Latour Aromatik und guter, balancierender Säure, die ein Gefühl von Frische verlieh – WT100. Diese drei Weine in einem once in a lifetime flight, das war ein gigantisches, sehr berührendes Erlebnis.
Unter dem Motto Ich will Spaß ging es dann auf sehr hohem Niveau weiter. 1982 war angesagt. Auch das eines meiner Lieblingsjahre mit großen Weinen, die noch keinerlei Schwächen zeigen. Einer meiner Lieblingsweine überhaupt ist diese einmalige 1982 Pichon Comtesse de Lalande, schlichtweg ein hedonistischer, perfekter Traum in den 80ern und 90ern, ging etwas zu und zeigte sich in den letzten Jahren mehrfach wieder, so auch hier, als ein großartiger, typischer Pauillac in erster Reife mit enormer Wucht, Kraft, Dichte und vollem Körper. Hat immer noch kräftige, aber reife Tannine, dazu feinsten Schmelz und diesen wunderbaren, typischen Comtesse Charme - WT100. Atemberaubend und altersfrei mit altersfreier, dichter Farbe, unglaublicher Kraft, aber auch Eleganz und feinem Schmelz zeigte sich dieser 1982 Lynch Bages, der über die letzten Jahre wieder deutlich zugelegt hat und noch eine sehr gute Zukunft haben dürfte – WT98. Mit unglaublicher Kraft und stabilem Tanningerüst steht dieser 1982 Leoville las Cases immer noch fast am Anfang. Zeigt puristische Frucht, präzise Konturen, soviel Dichte und Tiefgang und sehr druckvolle Aromatik. Der ist auf dem Weg zur Legende - WT98+..
Unter dem Motto 1995! Oder? Kamen drei große Bordeaux aus dem Jahr 1996 ins Glas. Ob dieser Jahrgang besser ist, als 1995, sollten diese Weine zeigen. Der zugänglichste dieser drei Weine war die absolut betörende 1996 Pichon Comtesse mit inzwischen deutlich reiferen Tanninen. Wirkt wie eine Kombination aus dem Charme und der Eleganz von Cheval Blanc mit der Struktur von Lafite Rothschild – WT97. Auch der sehr kräftige, druckvolle 1996 Leoville las Cases als modernere Version des eigenen 86ers hat eine gewaltige, sehr lange Zukunft und dürfte irgendwann an der Comtesse vorbeiziehen – WT97+. Da darf er sich dem Potentialweltmeister 1996 Latour duellieren, der sich hier mit massivem Tanningerüst zappeldicht präsentierte und viele von uns überleben dürfte – WT95+.
Hippie Style hieß es dann aus der Woodstock Aera (das legendäre Festival war 1969) mit drei Weinen aus dem lange sehr schwierigen Jahrgang 1970. Die hatten damals in ihrer nüchternen, tanninreichen, trockenen Art nun überhaupt nichts mit der unbändigen Lebensfreude der Hippie Zeit zu tun. Aber immerhin legen sie jetzt nach mehr als 50 Jahren enorm zu. Wohl dem, der diese Weine aus sehr gutem Keller erben durfte. Mir war das leider nicht vergönnt, aber ich habe schon viele, interessante 70er aus zuverlässigen Quellen kaufen und genießen können, so den sensationell guten 1970 Giscours oder den gerade erst getrunkenen, superben 1970 Mouton Rothschild. Das galt auch für den 1970 Latour, den ich schon mehrfach auf perfektem WT100 Niveau im Glas hatte, aber auch in schwierigen Flaschen. So erging es uns hier heute. Man spürte das gewaltige Potential, aber der Latour zeigte sich irgendwie zickig – WT93. Sehr elegant und balanciert zeigte sich der 1970 Leoville Barton, den ich aus den 80ern und 90ern nur als störrisch und ungenerös kannte. Aber jetzt ist das plötzlich ein feiner Tropfen, der noch für manche Überraschung gut sein könnte – WT94. Ähnlich erging es mir mit 1970 Leoville las Cases, dem ich noch 2010 als rustikalem Kraftbolzen mit viel Tannin mal gerade WT88 gegeben hatte. Aber hier zeigte er sich erstaunlich frisch und voll da, ein sehr schöner Las Cases – WT94.
Und als Abschluss verkosteten wir dann unter 1996! Oder? als Gegenstück zu den 1996ern noch drei Weine aus 1995. Der 1995 Leoville las Cases zeigte sich mit sehr elegant und offen mit wunderschöner Frucht und reifen Tanninen, jetzt wunderbar zu trinken – WT95. Das gilt auch für den erstaunlich offenen 1995 Lafite Rothschild, der jetzt viel Trinkspaß bereitet, aber dabei im Gegensatz zu großen Lafite Jahrgängen (auch 1996) auf sehr hohem Niveau fast etwas harmlos wirkte – WT95. Sehr erstaunlich im Konzert der großen Weine dieser 1995 Haut Bages Liberal mit Kraft, Fülle und saftiger Frucht, der sich jetzt, wahrscheinlich auf dem Trinkhöhepunkt, nicht hinter den beiden anderen Weinen verstecken musste, zumal man hier zum Flaschenpreis der anderen schon eine 6er Kiste bekäme – WT94.
Eine sehr, sehr feine Probe in wunderbarer, familiärer Atmosphäre war das. So darf das Weinjahr gerne weitergehen.