April 2020

Riesling Weinreise von Morstein zu Morstein

Mit richtigen Reisen ist nichts in dieser Zeit, in der uns die Regierung auf zukünftige Käfighaltung vorbereitet. Da findet alles nur noch virtuell statt. Also haben wir tief im Keller gegraben, und dann eine virtuelle Rieslingreise gemacht, aber mit echten Weinen.

Startpunkt war der wunderbare 2015 Morstein Alte Rebenvon Seehof, der jetzt in allererster Reife sehr viel Spaß macht. Viel frische, charmante Trinkfreude mit sehr gutem Preis-/Leistungsverhältnis – WT93. Es lohnt sich, dieses Weingut von Julia Kellers Bruder Florian Fauth im Auge zu behalten. Von dort ging es weiter zu den Kellers, die im nicht ganz unproblematischen Jahrgang 2018 schlichtweg atemberaubend gute Weine auf die Flasche gebracht haben. Dieser 2018 Hubacker GG zeigte sich so präzise, schlank und von betörender Eleganz. Der einstige Barockengel zeigte sich nach einer Diät als Supermodell – WT97. Wie geht so etwas? Man muss es können und es sich auch leisten können. Die Kellers haben auf Laubarbeit weitgehend verzichtet, wodurch die Trauben nicht der prallen Sonne ausgesetzt waren. Und wenn man dann noch weitgehend Rückseitige Trauben für das Große Gewächs verwendet, dann kommt so ein großartiger Wein dabei heraus. Jetzt muss man sich den selbst nicht nur leisten können, sondern auch noch das Glück haben, den auch zu bekommen. Eine meiner leider nur ganz wenigen Flaschen habe ich jetzt probiert, der Rest kommt für lange Zeit weg. 30 Jahre sollte dieser Hubacker locker schaffen. Grandios auch das puristisch schöne, schlanke, sehr druckvolle 2018 Felseneck GG von Schäfer-Fröhlich – WT96+.. Der war nicht ganz einfach zu verkosten, denn diese hefige Spontinote ist nicht „jederfraus“ Sache. So bekam ich in unserer kleinen Runde halt mehr ab. Ansonsten ein paar Jahre, am besten 10, warten, dann wird das ein Knaller, so wie die göttliche Magnum des 2009ers am letzten Wochenende. Überraschen gut in der Riege der deutschen Riesling Granden konnte da wieder der 2017 Potter Valley Riesling von Chateau Montelena mithalten. Furztrocken mit glockenklarer Frucht überzeugte dieser sehr rare Wein aus einer kühlen Nordlage mit Präzision, einer steinigen Mineralität und sehr guter Struktur – WT96. Gut, dass ich davon noch habe, denn aus 2018 wird es diesen spannenden, eigenständigen Riesling wegen der damaligen Feuer nicht geben. Und dann wurde es älter, und zwei großartige Rieslinge zeigten uns, dass 15 Jahre und mehr für solche Weine eine einfache Spielerei sind. Das war schon beeindruckend, mit welcher Frische dieser altersfreie, kraftvolle, edel-rustikale 2004 Idig GG von Christmann da ins Glas kam – WT96. Gut gelagerte Rieslinge aus dem kühlen, zu Anfang verkannten Jahrgang 2004 sind jede Suche wert. Große Überraschung auch das sehr komplexe, würzige, mineralische 2003 Ungeheuer GC von Bürklin-Wolf, dem man das eher schwierige, weil zu warme Jahr 2003 in keinster Weise anmerkte. Da stimmten Frische, präzise Frucht und gute Säure. Gut, die Flasche lag seit ewiger Zeit iin meinem Eiskeller. Aber mit diesem genialen Auftritt hatte ich nicht gerechnet, einfach Klasse – WT97. Da half jetzt nur noch ein denkwürdiger Schlusspunkt. 2011 GMax und 2013 Morstein von Keller standen zur Auswahl. Ich habe zum Morstein gegriffen. Der war noch blutjung, zeige aber in unglaublichen Form ,dass uns allen die Spucke wegblieb, die Rasse und Klasse des Jahrgangs und das meisterliche Händchen von Klaus Peter Keller. Das war ganz nah dran an der Perfektion. Und warum dann nur WT99 und nicht gleich 100? Weil der sicher noch 20 Jahre vor sich hat und gewaltiges Potential besitzt. Diese jugendliche Unbekümmertheit eines Rassehengstes lässt sich sicher nicht mehr steigern. Aber da gibt es ja noch Komplexität und Tiefgang (hatte er beides reichlich), die noch stärker in den Vordergrund treten könnten.

Ich freue mich schon auf unsere nächste Weinreise.