Januar 2021

Sehr schwierig sind Weinproben in Corona-Zeiten geworden. Bei maximal fünf Personen aus zwei Hausständen muss man sich da schon etwas einfallen lassen. Immerhin hat es für die zwei nachfolgenden, schönen Tastings gereicht. Keine Ahnung, wie das jetzt mit der weiteren Lockdown-Verschärfung weitergehen soll.

Bella Italia

Spannende Weine haben wir bei einem feinen Lunch probiert. Los ging es mit dem 2017 Chardonnay von Monteverro. Ich war schon immer ein Fan des Monteverro Chardonnays. Sehr gut hat mir gefallen, dass sich dieser Wein seit dem Erstlingsjahrgang 2008 immer mehr Richtung Burgund entwickelt hat. Der großartige 2017 Monteverro Chardonnay ist schlanker und präziser mit weniger Holz als alle Jahrgänge davor, sehr frisch und animierend Zitrus und weißen Früchten, mit guter Säure und Mineralität. Rechtzeitiges Dekantieren und große Burgundergläser sind von Vorteil, besser noch ein paar Jahre im Keller, damit dieser fantastische Wein weiter zulegen und noch mehr brillieren kann – WT95+.

100 Punkte vom Wine Advocate für einen jungen Wein sind natürlich schon eine Ansage. Spontan haben wir uns natürlich entschlossen, den 2016 Flaccianello zu probieren, wenn es auch unsere Zeit nur für etwas kurzes, 1stündiges Dekantieren reicht. Ein sehr dichter, konzentrierter superdunkler Wein mit großartiger Schwarzkirsche und Schwarzer Johannisbeere, mit feinen Kräutern und mit einer massiven Ladung von Tanninen. Ein sehr kräftiger Sangiovese mit viel Spannung und sehr guter Struktur, aber nicht überladen und durchaus elegant mit Raffinesse – WT95+. Würde sicher von längerem Dekantieren und vor allem ein paar Jahren im Keller profitieren und dürfte sich deutlich weiterentwickeln. Ich bin gespannt, wie er sich dann in ein paar Jahren gegen andere 100 Punkte Riesen aus der Toskana schlägt.

Ausnehmend gut gefiel uns auch der 2009 Barolo Riserva Villero von Vietti. Ein puristisch schöner Barolo Stil mit traumhafter Nase und explosiver, aber präziser und purer Aromatik, pikante rot und dunkelbeerige Frucht, frische Kräuter, Rosenblätter, Trüffel und balsamische Noten mit erster, feiner Süße, aber mit griffigen Tanninen im Hintergrund für gute Alterung. Im Abgang erinnerte mich der Vietti mit einer schönen, kräuterigen Herbe an Fernet – WT96+. Auch für diesen Wein sind mehrstündiges Dekantieren oder besser noch längere Lagerung zu empfehlen, denn da kommt noch so viel.

Nach soviel Jugend und Tannin war uns noch nach einem reifen Gaumenschmeichler. Den fanden wir in einem wunderbaren 1999 Guado al Tasso. Der war reif, perfekt balanciert und mit feinem Schmelz, der sich von der schönen Nase bis zum langen Abgang zog, mit reifer, dunkler Frucht und generöser Fülle. Da sind die WT93 des Weinbuchhalters eigentlich verdammt knauserig.

Bella California

Die letzte, kleine Probe vor dem verschärften Lockdown? Da haben wir nichts dem Zufall überlassen und alles auf die Karte Kalifornien gesetzt. Den Anfang machte quasi als Apero der 2012 Chardonnay Clare von Dumol. Vor fünf Jahren war mir dieser Wein bei aller Klasse noch etwas zu üppig und holzbetont gewesen. Inzwischen hat er sich gemacht und zeigte bei aller Kraft und Fülle mit viel Frische und guter Säure durchaus burgundische Konturen – WT95. Könnte durchaus noch eine spannende Zukunft haben.

Bei den Roten hatte ich mich auf die 90er Jahre konzentriert. Hier waren die Weine noch nicht so fett wie nach der Jahrtausendwende, aber fruchtbetonter als in den 80ern und davor. Wir starteten mit einem 1991 Pahlmeyer Proprietary Red Wine Caldwell Vineyard, einer Cabernet Sauvignon dominierten Cuvée mit Merlot, Cabernet Franc, Malbec und Petit Verdot. Der zeigte sich immer noch frisch und voll da, balanciert mit viel Minze und schöner, dunkler Frucht – WT94. Zuletzt hatte ich diesen Wein vor 10 Jahren im Glas gehabt. Damals schrieb ich, dass er mich in seiner rustikalen Art an Dunn erinnerte. Damit lag ich, nicht wissend, richtig, denn Randy Dunn kümmerte sich vom ersten Jahrgang 1986 an sieben Jahre lang um das Weinmachen bei Pahlmeyer.

Wie ein Mouton Rothschild mit dunkler Frucht statt Cassis schmeckte der immer noch so frische, elegante 1995 Opus One, so fein, aber mit viel aromatischem Druck – WT95. Als großer Bordeaux aus Kalifornien präsentierte sich der 1997 Chateau St. Jean Cinq Cepages mit geiler, dunkler Frucht, sehr würzig und frisch mit wohldosierter Fülle – WT96. Schier unglaublich, dieser 1994 Shafer Hillside Select, der bis kurz nach der Jahrtausendwende ein Superstar war, der reihenweise Proben sprengte. Danach verschloss er sich stückweit, wurde etwas ernster in der Anmutung. Und jetzt plötzlich steht er wieder als hedonistischer, jugendlicher Knaller vor mir, einfach Hillside in Perfektion – WT100. Pech hatten wir leider mit dem tiefdunklen, sehr konzentrierten 1995 Dunn Howell Mountain, der einen immer stärker werdenden Kork entwickelte. Da half dann auch kein „unten drunter durch trinken“ mehr. Spurlos vorbeigegangen sind die Jahre auch am 1996 Ridge Monte Bello. Dieser maskuline Traum wirkte immer noch sehr jung, konzentriert, dabei so geradlinig, einfach puristisch schön mit ungeheurem Druck am Gaumen, ein Wein mit gewaltigem Potential in der Liga des gewaltigen 2016ers – WT97. Einfach zeitlos schön zeigte sich auch der frische 1999 Newton Grand Vin mit Jugendlicher, dunkle Frucht, Minze, einem Hauch Eukalyptus und großartiger Struktur – WT96. Sehr beeindruckt hat uns auch der 1999 Harlan Estate, der sich unglaublich entwickelt und gewaltig zugelegt hat. Ich liebe Harlan, speziell die Weine aus den 90ern, die für mich immer so eine Art Quadratur des Kreises waren, ein junger, reifer Latour. Und jetzt zeigte dieser atemberaubende 99er, den ich noch nie so gut im Glas hatte, wie gut diese Weine altern und dass sie dabei auch noch zulegen können. Einfach traumhafte, betörende und auch berührende Frucht, dahinter so eine gewaltige, druckvolle Struktur, altersfrei und aus einem Guss, einfach atemberaubend – WT99. Ich hatte damit ganz offen nicht gerechnet.